Am Montag haben wir es wahr gemacht und uns einen Tag weg vom Camp und von allen Verpflichtungen gegönnt. Schon lange, genauer gesagt, im letzten Winter, haben uns ein saisonaler Camper und seine Frau zu überzeugen versucht, dass wir diesen Sommer dringend einen Tag frei nehmen sollten. Sie haben gesehen, dass uns manchmal die Decke auf den Kopf fällt, wenn wir wochen- und monatelang nicht weg vom Camp kommen. Ihr Argument: Es müsste doch möglich sein, dass wir das Camp einen oder zwei Tage allein liessen, vielleicht unter der Aufsicht von Brigitte und Georg, denn sie wollten uns für einen Tag auf eine Bootsfahrt auf dem Trent Kanal einladen. Der Trent Kanal ist über 400 km lang und erstreckt sich vom Lake Ontario bis zur Georgian Bay. Es ist der gleiche Kanal, an dem auch unsere Freunde wohnen, die wir ab und zu im Herbst oder Frühling besuchen. Wir waren allerdings ans andere Ende des Kanals eingeladen, etwa 250 km südlich von North Bay.
Vor etwa drei Wochen sah ich, dass Ende August / anfangs September keine Buchungen für den Campingplatz eingegangen und auch die Cottages leer sind. Erst am Nachmittag vom 1. September erwarten wir wieder Gäste. Genug Zeit, um am Montagmorgen sehr, sehr früh Richtung Süden zu fahren und dann am Dienstagmorgen wieder zurück, um hier zu sein, wenn die Gäste kommen.
Gesagt, getan, der Termin passte auch für B&P, sie hatten sowieso gerade Ferien. Wir sind also um 4 Uhr früh aufgestanden, haben ein paar Dinge für die Nacht gepackt sowie Rex' Futter und Decke und ab auf die Strasse. Kaffee und Croissants holten wir uns bei Tim Hortons in North Bay und nahmen den 270 km langen Weg unter die Räder. Es war ein sehr kalter und klarer Morgen. 3 Grad meldete das Thermometer am Truck, und das am letzten Tag vom August! Nebelschwaden erschwerten teilweise die Sicht, aber als die Sonne aufging, war's umso schöner.
Pünktlich um 9.00 Uhr erreichten wir den Lake Simcoe, wo das Boot stationiert ist und B&P uns bereits erwarteten. Wir hatten genügend warme Kleider mit, denn auf dem See war es ziemlich frisch. Uns wurde die Route erklärt, wir werden durch zwei Schleusen Richtung Georgian Bay fahren, die dritte Schleuse besichtigen (the big Chute), Lunch auf dem Boot essen und uns dann wieder auf den Rückweg machen. Uns war alles recht, denn für einmal hiess es: Stillsitzen und Nichtstun, ausser vielleicht bei den Schleusen mal ein Seil halten oder so.
Da sassen wir nun, liessen die wunderbare Landschaft an uns vorbeiziehen, bestaunten die schönen und teilweise auch geschmacklosen Häuser und Cottages entlang dem Kanal. Alte Eisenbahnbrücken, drehbare Strassenbrücken, beeindruckende Resorts, einen grässlich engen Campingplatz, alles wurde begutachtet und kommentiert. Die Schleusen haben schon einige Jahre auf dem Buckel (oder zwischen den Toren), funktionieren aber tip-top. Verkehr hatte es nicht viel, denn erstens sind teilweise die Sommerferien schon vorbei und zweitens war es wirklich noch sehr kalt am Morgen. Hier ein paar Eindrücke:
Unser Boot:
Detail an der Eisenbahnbrücke, die schon einige Jahrzehnte alt ist. Für hohe Boote kann die Brücke weg gedreht werden. Wir waren niedrig genug, um unten durchzufahren. Das Boot hinter uns musste erst einen Zug durchlassen, bis die Brücke für sie geöffnet werden konnte:
Die erste Schleuse:
Mein Lieblingshaus am Kanal, auf dem Rückweg sassen auf den zwei roten Muskokastühlen zwei Personen bei einem Glas Wein. Sie sahen sehr zufrieden aus, denn sie haben sich hier wohl einen Traum erfüllen können:
Gefangen zwischen den Schleusentoren:
Nochmals unser Boot:
Dann näherten wir uns langsam der dritten Schleuse, ein technisches Wunderwerk und schon sehr alt. Die Boote fahren im Wasser auf eine Plattform, werden mit Gurten festgemacht und die ganze Plattform wird von Stahlseilen auf Gleisen den Berg hochgezogen oder runtergefahren. Ein kurioses Unikum, der Antrieb made in Germany. Man beachte auf der Bank, unten neben den Gleisen, sitzt Marcel mit Rex.
Wir staunten nur noch und erinnerten uns an das Badewannensystem, das wir vor 19 Jahren im Elsass erlebten. Damals fuhr das ganze Schiff in eine Art Badewanne, die ebenfalls mit Seilen den Berg hochgezogen wurde. Auf diese Weise lassen sich viele Meter Höhenunterschied überwinden:
Nach diesem kleinen Aufenthalt mit Lunch, machten wir uns schleunigst auf den Rückweg, denn um 19.00 Uhr mussten wir die letzte Schleuse passiert haben. Natürlich schafften wir es und waren um 20.00 Uhr wieder im heimischen Hafen. Dort endlich durften wir uns ein Glas Wein genehmigen, denn Alkohol ist für Fahrer und Passagiere auf allen Booten strengstens untersagt. Den Abend liessen wir beim Italiener bei Pasta Spezialitäten und Merlot ausklingen.
Die Nacht verbrachten wir bei B&P und verabschiedeten uns nach einem ausgiebigen Frühstück um 9.00 Uhr, um uns auf den Rückweg zu machen.
Eigentlich wollten wir in Huntsville (etwa 100 km vor North Bay) noch einen Grosseinkauf bei einem Grossisten machen, aber wir standen vor einem verschlossenen Gebäude. Ein Anruf bei der Firma bestätigte uns, dass diese Filiale seit ein paar Wochen geschlossen sei und der nächste Laden sich in Barrie befinde. Das war nur etwa 40 km südlich von dem Ort, wo wir die Nacht verbrachten... Oh well, shit happens! So fuhren wir also mit leeren Kühlboxen nach Hause, mussten dafür auch nichts auspacken und verräumen, was das Heimkommen sehr relaxed machte.
Im Camp hat sich inzwischen nicht viel ereignet. Brigitte und Georg haben allerdings ihren neuen Trailer erhalten, ein ganz tolles Stück. Marcel konnte gleich den Traktor anspannen und den Trailer an die richtige Stelle manövrieren. Nun haben sie vom "Wohn- und Esszimmer" aus direkten Blick auf den See, sehr schön.
Uns haben diese 32 Stunden weg vom Camp sehr gut getan. Wir haben einmal etwas ganz anderes von Ontario gesehen. Ja, wir werden so einen Ausflug wieder mal machen!